"Pflege darf kein Armutsrisiko sein" – Diskussionsrunde mit dem VdK

Gut besuchte und informative VdK-Info- und Diskussionsveranstaltung am Frühlingsfest – Angeregte Podiumsdiskussionsrunde mit Politikern und Fachleuten zum Thema Pflege
Traunstein. Es ist mittlerweile schon zu einer guten Tradition geworden, dass der VdK-Kreisverband Traunstein zu einer Info- und Diskussionsveranstaltung auf das Traunsteiner Frühlingsfest einlädt. Heuer drehte sich alles um das Thema Pflege, das in einer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen direkt oder indirekt betrifft und umtreibt. Vor der von Evi Dettl kurzweilig moderierten informativen Podiumsdiskussion mit MdL Dr. Martin Brunnhuber (FW), Bezirksrätin Annemarie Funke (CSUkurz fürChristlich-Soziale Union), Bezirksrat Matthias Bonigut (SPDkurz fürSozialdemokratische Partei Deutschlands) als Vertreter von MdB Dr. Bärbel Kofler, sowie Yvonne Knobloch vom VdK Bayern hatte letztere als Pflegeexperten des größten deutschen Sozialverbandes über die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen in der Pflege referiert. „Über 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause versorgt und deren größter Wunsch ist es, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben“, stellte Knobloch eingangs fest. Pflegende Angehörige würden Enormes leisten für ihre Familien, aber auch für die Gesellschaft, da sie die Pflegekassen und die Staatskasse erheblich entlasteten. „Wir als VdK wollen, dass pflegende Angehörige endlich die notwendigen Unterstützungen erhalten“, forderte sie. Notwendig seien flexible Arbeitszeitmodelle, Pflegezeitgesetze und finanzielle Entlastungen. Pflegende Angehörige sollten auch ein Gehalt bekommen und Pflegezeiten müssten rentenrechtlich besser anerkannt werden. „Pflege darf kein Armutsrisiko in unserem reichen Land darstellen“, so Knobloch.
Offenbar habe die Politik die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt, denn anstatt Unterstützungsangebote auszubauen, sprich zum Beispiel mehr Kurzzeit-, Tages- und Nachtpflegeplätze zu schaffen, gingen die neuen Reformvorschläge in eine völlig andere Richtung, so Knobloch. „Es sollen einfach die Pflegegrade nach unten degradiert werden, um scheinbar weniger pflegebedürftige Menschen versorgen zu müssen. Was ist das für ein Signal?“, fragte sie verärgert in die Runde. Es dürften keine Leistungen gestrichen werden, sondern es müsse alles dafür getan werden, damit Betroffene frühzeitig Unterstützung und Förderung erhalten und Pflegebedürftigkeit verhindert oder zumindest verzögert werden könne. Laut Knobloch müssten präventive Angebote entstehen, geriatrische Rehaeinrichtungen gestärkt und mobile geriatrische Rehaangebote ausgebaut werden. In der Praxis würden diese und andere Angebote stetig Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Sogar die Förderungen für Pflegebedürftige mit geringen Einkommen bei barrierefreien Umbauten in der häuslichen Umgebung seien im Freistaat stark eingekürzt worden, kritisierte Knobloch. Zum Schutz der Menschen in Pflegeeinrichtungen brauche es ihr zufolge weiterhin unangemeldete Kontrollen. Darüber hinaus gelte es neue Versorgungsmodelle in den Kommunen zu entwickeln. Man müsse wegkommen von starren Vollpflegeeinrichtungen und endlich die Sektorengrenzen von ambulant und stationär überwinden, so Knobloch. Diese neuen Versorgungsmodelle könnten ihr zufolge nur flächendeckend entstehen, wenn die Kommunen im Rahmen der Daseinsvorsorge verpflichtet werden, sich um den Aufbau der Pflegestrukturen zu kümmern sowie es bei anderen kommunalen Pflichtaufgaben auch der Fall sei. Natürlich müsste der Bund den Kommunen dafür ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Für Knobloch ist klar: „Die Geschäftemacherei in der Pflege muss endlich aufhören“. Der Markt reguliere es nicht, deswegen müssten die Kommunen das Recht und die Verpflichtung erhalten das zu kontrollieren und bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln. „Wir alle haben eine Verantwortung für unsere ältere Generation und für Pflegebedürftige in unserem Land“, resümierte Knobloch. Diese Verantwortung füreinander müsse endlich auch oben im politischen Berlin ankommen.
„Wir müssen gewährleisten können, dass eine menschenwürdige Pflege in den verschiedenen Einrichtungen auch in Zukunft möglich ist“, meinte die VdK-Pflegeexpertin Yvonne Knobloch in der anschließenden Podiumsdiskussion in Bezug auf den Fachkräftemangel. Es sei ein Glücksfall, dass man es geschafft habe, die erste staatliche Fachschule für Heilerziehungspflege nach Traunstein zu bekommen, so MdL Dr. Martin Brunnhuber, ehemals Berufsschulleiter. Wenn es vor Ort eine qualitativ hochwertige Ausbildung von Pflegekräften gebe, dann entspanne dies auch den Arbeitsmarkt. Trotzdem werde man in den Pflegeeinrichtungen auch weiterhin auf ausländisches Personal angewiesen sein. Was die Bürokratie anbelange, sei es unabdingbar, so Brunnhuber, dass man in der Verwaltung wegkomme von einer Haltung des Verhinderns hin zu einer Haltung des Ermöglichens. Von Dettl auf die Zuständigkeiten der verschiedenen politischen Ebenen in Sachen Pflege angesprochen, meinte Bezirksrätin Annemarie Funke, dass der Bezirk Oberbayern als großer Finanzier des Bereichs „Soziales“ zuständig sei für Hilfen, wenn der Einzelne die Pflege nicht mehr finanzieren könne. „Allein 2025 haben wir 425 Millionen bei der Hilfe zur Pflege aufbringen müssen“, so Funke. Auf die Frage von Dettl wie man die Pflegeberufe attraktiver gestalten könne, meinte sie, dass noch mehr für die Vorzüge dieser Berufe geworben werden müsse. Menschen zu begleiten und zu unterstützen und dafür Sorge zu tragen, dass diese ein Stück Lebensqualität behalten, „das ist doch das Schönste, was man im Beruf mitnehmen könne“, so Funke, die 18 Jahre Geschäftsführerin der Lebenshilfe war. Da knapp 86 Prozent der pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt werden, sei es für die Zukunft umso wichtiger, insbesondere die häusliche Pflege zu stärken. Auf die Frage, wie sich eine Kommune konkret einbringen könne, meinte Bezirksrat Matthias Bonigut, dass einzelne Gemeinden in freiwilliger Leistung hier bereits sehr viel tun würden, obwohl deren Haushaltslage oft angespannt sei. Es brauche langfristige, gesetzlich verankerte Unterstützungsleistungen, auf die man sich verlassen könne, so Bonigut. Leider sei der Staatshaushalt aktuell auf Kante genäht und man müsse gerade im ziemlich komplexen Bereich Soziales Prioritäten setzen, so Brunnhuber. Zweifelsohne müsse beim Bauen von neuen Heimen „alles schneller, standardisierter und günstiger werden“, mahnte er an. Es müsse nicht immer der Premium-Gold-Standard sein. Funke wünschte sich hier mehr finanzielle Unterstützung seitens des Bundes. Bei besserer ambulanten Versorgung könnten Menschen mit Pflegegrad zwei, teilweise auch drei, noch viel länger zuhause sein, gab Knobloch zu bedenken. Es müssten auf kommunaler Ebene niederschwellige Pflegeangebote und Versorgungskonzepte entwickelt werden. Auf freiwilliger Ebene werde man das aber nicht schaffen, es müsse zu einer Pflichtaufgabe der Kommunen werden. Brunnhuber meinte, dass dies wohl viele Gemeinden überfordern würde. Seiner Meinung nach bräuchte es dafür eine koordinierende Stelle auf Landkreisebene. Die präventiven Quartiersmanagement-Konzepte oder auch sozialraumorientiere Pflege seien als erste Ansätze schon sehr gut, warf Funke ein. Damit müsse man auf kommunaler Ebene starten, um Caring Communities (sorgende Gemeinschaften) zu entwickeln und langfristig ein Konzept zu schaffen, dass unter Einbindung aller verantwortlichen und beteiligten Akteure, darunter auch die Pflegestützpunkte, zu einem innovativen Ausbau und zur Sicherung der pflegerischen Versorgung führt. Wohnortnahe Pflegekonzepte seien ganz wichtig, wenn man bedenke, dass schon 2030 jeder dritte Bürger ein Senior sein werde. Viele Menschen hätten vor allem Angst davor, sich im Alter Pflegeleistungen nicht mehr leisten zu können, so Bonigut. Die Pflegeversicherungsbeiträge sollten auch in erster Linie für Pflegeleistungen verwendet werden, forderte er. Dass sich die Parteien und Verbände hinsichtlich des Ziels weitgehend einig seien, sei schon mal gut, meinte Bonigut. Nun müsse man sich gemeinsam an die Umsetzung machen. Dass pflegende Angehörige Unterstützung benötigen, hat der VdK-Kreisverband Traunstein schon vor rund 15 Jahren erkannt, als er erstmals einen Pflegebegleiter-Kurs organisierte. Den seitdem regelmäßig ausgebildeten ehrenamtlichen Pflegebegleitern obliegt nicht die professionelle Pflege, sondern ihre Aufgabe ist es, sich einmal die Woche mit einer pflegebedürftigen Person zu beschäftigen, sprich mit ihr zu sprechen, mit ihr zu spielen oder spazieren zu gehen, um den Angehörigen, die sich in einer Art Hamsterrad befinden und oftmals an ihre Grenzen kommen, Freiräume zu verschaffen. mmü