Kategorie VdK-Zeitung Behinderung Teilhabe

Leben und Arbeiten mit Familienanschluss

Von: Annette Liebmann

Betriebe der Sozialen Landwirtschaft bieten Menschen mit Behinderung Beschäftigung und Wohnraum

Georg Haug steht im Kuhstall des Biobauernhofs Leonhart. Er hält eine Heugabel in der linken Hand.
Georg Haug kümmert sich jeden Tag um die Kühe. Ihm gefällt seine Arbeit auf dem Biobauernhof Leonhart. © VdK Bayern/Annette Liebmann

Viele landwirtschaftliche Betriebe haben noch ein zweites Standbein: Soziale Landwirtschaft. Sie öffnen ihren Hof auch für Menschen mit Behinderung und bieten ihnen die Möglichkeit, dort zu wohnen und zu arbeiten. Der VdK hat zwei solcher Höfe besucht.

Georg Haug kehrt den Boden im Kuhstall des Biobauernhofs Leonhart in Irsee im Allgäu. Den Stall sauber zu machen, gehört zu seinen täglichen Arbeiten, ebenso wie Stroh einstreuen und Kraftfutter holen. Einmal in der Woche mistet er den Stall für die Kälber aus. Nachmittags wechseln sich seine Aufgaben ab: Zäune reparieren, Rasen mähen oder Zaunpfähle schnitzen. „Meine Arbeit macht mir großen Spaß“, betont er.

Dass der 50-Jährige auf einem Bauernhof arbeitet, hat er seinem eigenen Engagement zu verdanken: 19 Jahre war er in einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung beschäftigt. In der dortigen Schreinerei schnitt er Holz zu und machte Reparaturarbeiten, in seiner Freizeit half er auf dem Biobauernhof aus.

Mehrere Male hatte er Karin Leonhart angesprochen, ob er nicht bei ihr arbeiten könnte. 2019 vereinbarten sie, dass er ein vierwöchiges Praktikum machen kann. „Wir mussten uns erst aneinander gewöhnen“, sagt Karin Leonhart. Es hat geklappt, und nun hat Haug einen Außenarbeitsplatz auf dem Bauernhof. Offiziell ist er noch bei den Wertachtal-Werkstätten angestellt. Wenn es Probleme gibt, können sich Leonhart und Haug jederzeit an die dortigen Mitarbeitenden wenden. 
 

Kein Job für jeden

„Georg Haug ist auf einem Bauernhof groß geworden. Er kennt die Arbeit und kann das gut machen“, erklärt Gerhard Schmid, Jobcoach bei den Wertachtal-Werkstätten der Lebenshilfe Ostallgäu. Arbeitsplätze außerhalb der Werkstatt sind nach Schmids Aussage nicht für jede Person mit Behinderung geeignet. „Viele von ihnen brauchen mehr Ansprache. Das kann ein normaler Betrieb nicht leisten“, so Schmid. Das bestätigt auch Karin Leonhart: „Wenn man im Stress ist, wird es schwierig. Damit muss man umgehen können.“

Teil der Gemeinschaft

„Wer denkt, er bekomme nur eine günstige Arbeitskraft, sollte es lieber bleiben lassen“, sagt Dr. Viktoria Lofner-Meir, Vorsitzende des Vereins Soziale Landwirtschaft Bayern. Gerade am Anfang sei es nicht einfach, ein Arbeitsverhältnis aufzubauen. Doch es könne sich lohnen – auch in menschlicher Hinsicht. „Es sollte eine Win-Win-Situation für beide sein.“ 

Ein Bauernhof sei nicht nur eine Produktionsstätte für Lebensmittel. „Er ist auch ein sozialer Ort, insbesondere wenn er von einer Familie geführt wird“, so Lofner-Meir weiter. „Alle Familienmitglieder helfen und arbeiten zusammen, um die notwendigen täglichen Arbeiten zu verrichten.“ Das könne für Menschen mit Behinderung wohltuend sein: „Sie werden in die Gemeinschaft integriert, respektiert und erleben Zusammenhalt.“

Klare Strukturen böten Orientierung und einen stabilen Rahmen. Die Arbeit werde als sinnvoll erlebt. „Direkter Kontakt zu Tieren, beispielsweise das Füttern, stärkt Verantwortungsbewusstsein, entspannt und kann heilsam sein. Auch Pflanzen zu säen und sie wachsen zu sehen, kann glücklich machen“, betont Lofner-Meir. „Diese Erfolge stärken das Selbstbewusstsein und das Gefühl der Selbstwirksamkeit.“ 

Die Zielgruppen in der Sozialen Landwirtschaft reichen von Kindern über Jugendliche mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Assistenzbedarf und psychischen sowie physischen Einschränkungen, Suchterkrankten und Langzeitarbeitslosen bis hin zu Seniorinnen und Senioren. Sie alle können von der körperlichen Betätigung an der frischen Luft und einem Leben im Einklang mit dem natürlichen Rhythmus der Natur profitieren. 

Auch Familie Reh aus Horgau im Landkreis Augsburg nimmt Menschen mit Behinderung auf – allerdings nicht, um zu arbeiten, sondern um dort zu wohnen. 2019 ist der erste Bewohner eingezogen, ein Bekannter der Familie. „Er hat sich schnell erholt und ist nach einem Jahr wieder ausgezogen“, berichtet Carolin Reh. Danach kamen noch drei weitere Bewohner, die sich durch das Landleben stabilisieren konnten und wieder ausgezogen sind, nachdem sie für sich neue Perspektiven gefunden hatten. 

Landwirtin Carolin Reh steht mit ihren beiden Zwergeseln im Gehege. Den, der zu ihr näher steht, streichelt sie.
Landwirtin Carolin Reh macht die Arbeit mit den Zwergeseln viel Spaß. © VdK Bayern/Annette Liebmann

Leben mit Tieren

Seit 2023 lebt Julia Meyer* hier. Die 27-Jährige arbeitet bei den Ulrichswerkstätten und fährt dafür jeden Tag mit dem Bus zwei Stunden nach Augsburg und wieder zurück. Zuvor hatte sie in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung gelebt. Die Idee, auf einen Bauernhof zu ziehen, hatte ihr gesetzlicher Betreuer. „Weil ich Tiere sehr liebe“, sagt sie. 

Auf dem Erlebnisbauernhof Reh leben zwei Hunde, drei Katzen, 15 Hühner und ebenso viele Küken, zwei Esel, zwei Zwergesel, drei Ziegen, 17 Kaninchen und vier Meerschweinchen. Außerdem gibt es Bienen und einen Fischteich – genug Tiere, um die sich Julia Meyer kümmern kann. Das tut sie auch: Abends nach der Arbeit hilft sie beim Füttern und streichelt die Kaninchen, die Hunde und die Katzen.

Diese Wohnform für erwachsene Menschen mit Behinderung nennt sich Betreutes Wohnen in Familien (BWF). Sie ist eine Leistung der Eingliederungshilfe, wird über den Bezirk finanziert und bietet nicht nur Familienanschluss, sondern auch viel persönliche Freiheit und Lebensqualität. Carolin Reh musste keine Ausbildung machen, um Meyer ein Zimmer vermieten zu können. Die Familie erhält Unterstützung durch ein Fachteam, an das sie sich bei Fragen und Problemen wenden kann. Vor allem aber begleitet das Team Meyer und führt mit ihr regelmäßig Gespräche über ihr Befinden und ihren Unterstützungsbedarf. 

Die Familie stimmt ab

„Natürlich ist ein Mitbewohner immer ein Einschnitt in die Privatsphäre“, sagt Reh. „Bei uns wird abgestimmt, ob es passt oder nicht. Alle Familienmitglieder müssen damit einverstanden sein.“ Die Person wird von einem Wohlfahrtsverband an Familie Reh vermittelt. Nach einem Kennenlernen wird ein Probewohnen vereinbart. Wenn es gut läuft, zieht die neue Bewohnerin oder der neue Bewohner ein. Das Mietverhältnis ist unbefristet und bleibt bestehen, solange beide Seiten mit der Situation zufrieden sind.

Familie Reh unterstützt Julia Meyer auch im Alltag. „Das Schöne ist, dass wir eigentlich immer ansprechbar sind“, sagt Carolin Reh. Manchmal gibt es gemeinsame Unternehmungen, und am Wochenende wird zusammen gekocht und gegessen. Julia lebt sehr gerne auf dem Bauernhof. „Ich mag alles hier“, sagt sie.

Julia* füttert die Hühner. Ein Huhn sitzt auf ihrem Arm und eines auf ihrer Schulter. Mit ihrer Hand hält sie ihnen Futter hin.
Julia Meyer* liebt es, jeden Abend die Tiere zu füttern. © VdK Bayern/Annette Liebmann

Es kann funktionieren

Als Familie Derleth 2017 mitten in der Erntezeit von der Lebenshilfe gefragt wurde, ob sie einen Beschäftigten mit Behinderung aufnehmen kann, sagte sie sofort zu. „Ich war früher Erzieherin in einem Kindergarten und wusste, dass das funktionieren kann“, bekräftigt Margit Derleth. „Er hat ein dreitägiges Praktikum bei uns gemacht. Das hat so gut geklappt, dass wir beschlossen haben, ihm eine Chance zu geben“, fügt ihr Sohn Michael Derleth hinzu.

Fünf Jahre blieb der Mitarbeiter auf dem Biobauernhof. Als er ging, schrieb Michael Derleth die Stelle erneut aus. Christian, der neue Helfer, ist nun auch schon seit vier Jahren bei der Familie. Er arbeitet im Stall, kümmert sich um die Hühner, sortiert Eier und hilft im Hofladen. „Ich lasse ihn so viel wie möglich alleine machen“, sagt Michael Derleth. Wenn es mal nicht klappt, ist er in greifbarer Nähe und unterstützt ihn.

Die Vermittlung der Stelle läuft über den sozialen Träger, in diesem Fall das Dominikus-Ringeisen-Werk. Am Anfang brauchte es zwar Zeit, um ihn an seine Arbeit zu gewöhnen, aber jetzt ist der 39-Jährige eine große Hilfe. Michael Derleth ist froh, dass er Christian als Mitarbeiter hat – zumal der Arbeitsmarkt im Bereich Landwirtschaft so gut wie leergefegt ist. 

Mittlerweile beschäftigt die Familie zusätzlich eine junge Frau, die von der Lebenshilfe Schweinfurt kommt. „Sie hat gefragt, ob sie bei uns im Hofcafé ein Praktikum machen kann“, erzählt Margit Derleth. Nach zwei Monaten haben ihr die Derleths einen festen Arbeitsvertrag angeboten. „In der Werkstatt war sie oft krank. Jetzt sagt sie: ,Ich kann meine Kollegen nicht im Stich lassen.‘“

„Wir haben bisher gute Erfahrungen gemacht“, sagt Michael Derleth. In einem landwirtschaftlichen Betrieb gebe es immer Arbeit. Für Menschen mit Behinderung müsse sie nur manchmal umgestaltet werden. „Ich werfe die Menschen gerne ins kalte Wasser“, so Derleth weiter. „Aber ich bleibe natürlich am Beckenrand stehen, um im Notfall helfen zu können.“

*Name von der Redaktion geändert

Christian sortiert Eier nach Größen. Vor ihm liegt eine Reihe von Eiern, die er kontrolliert. Neben und hinter ihm stehen Eier in Eierkartons.
Christian arbeitet seit vier Jahren auf dem Naturlandhof Derleth. Zu seinen Aufgaben gehört das Sortieren der Eier. © Margit Derleth