Buchstabenblumen und Korridore ins Nichts
Durch seine langjährige Arbeit mit Menschen mit Demenz hat Kunsttherapeut Albin Zauner einen großen Erfahrungsschatz gesammelt. Dieser fließt in seine Bildererzählung „Im Demenzlabyrinth“ ein, die 2022 beim Hogrefe-Verlag erschienen ist.

Ein älterer Mann sitzt auf dem Sofa, hinter ihm ein hohes Regal voller Bücher. Auf den Buchrücken sind weder Autoren noch Titel zu lesen, sondern nur rätselhafte Symbole und Hieroglyphen. Als der Mann am Wandregal vorbeigeht, fallen hinter ihm zahlreiche Bände aus den Fächern, als würde ein Kartenhaus zusammenstürzen.
Verblasste Erinnerung
Die Bleistiftzeichnungen erzählen von der Erlebniswelt eines demenzkranken Mannes, dessen Leben mehr und mehr an Stabilität verliert. Eindrücklich wird dargestellt, wie seine vertraute Umgebung immer befremdlicher wird. So türmen sich in einer weiteren Szene hunderte leere Papierseiten zu einem Strudel auf, die den Mann zu verschlucken scheinen. Schrank- und Zimmertüren sowie Treppen und Flure führen in die Irre.
Weiße Kugeln, die über dem Kopf des Mannes schweben, drücken das Verblassen von Erinnerungen aus. Doch nicht alles verschwindet: In einer späteren Szene sind diese „Gedächtnismurmeln“ gefüllt mit Szenen aus seinem Leben.
Albin Zauner arbeitet seit 1995 in der Akutpsychiatrie am Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen. Mehr als 15 Jahre war er im gerontopsychiatrischen Bereich tätig. Bei einem Atelierbesuch in Dorfen erzählt der Kunsttherapeut, was ihn an der Arbeit mit Menschen mit Demenz beeindruckt hat: „Trotz der neurodegenerativen Erkrankung bleibt jeder Mensch unverwechselbar. Es hat mich bereichert, mit diesen Persönlichkeiten in Kontakt zu kommen.“
Zauner hat den Verlust der Sprache als zentrale Grenzerfahrung für Menschen mit Demenz beobachtet. Deshalb verzichtet er in der Graphic Novel auch auf Sprechblasen. Gleichzeitig hat das Ringen um Worte für ihn einen eigenen Zauber. So erzählt er, wie neue Worte geschöpft wurden: Einmal griff sich eine Frau eine Wasserflasche, sagte „Ich muss jetzt Blumen lesen“, und begoss dann damit Pflanzen im Raum. Dieses Erlebnis hat er in der Graphic Novel aufgegriffen: Eine Gartenwiese ist voller Buchstabenblumen.
„Im Demenzlabyrinth“ ist 2023 mit dem Tassilo Kulturpreis der „Süddeutschen Zeitung“ ausgezeichnet worden. Dass das Thema für Zauner weit mehr als ein berufliches Interesse ist, hat auch biografische Gründe. „Ich habe nie erlebt, wie meine Eltern alt wurden. Vielleicht war es mir deshalb ein Bedürfnis, mich mit dem Älterwerden zu beschäftigen.“
Träumen und zeichnen
Zauner wuchs auf einem Bauernhof in Tirol auf. Sein Vater starb, als er 13 Jahre alt war. Als jüngster Sohn hätte er den Betrieb übernehmen sollen. „Doch damals in den 1970er-Jahren breitete sich die industrielle Landwirtschaft aus. Immer mehr Kleinbauern mussten ihre Höfe aufgeben. Auch wir.“
Er machte dann eine Gärtnereilehre. Für ihn war die Ausbildung ebenfalls ernüchternd, weil sie alles andere als ökologisch war. „Während ich mit der Giftspritze in Gewächshäusern und auf Gemüsebeeten Unkraut bekämpfte, kam ich ins Träumen – und fing an zu zeichnen.“ Nach der Lehre ging er nach Innsbruck und holte an der Abendschule sein Abitur nach.
Er beschloss, sich für ein Studium der Malerei und Graphik an der Akademie der Bildenden Künste München zu bewerben, die ihn auf Anhieb aufnahm. „Weil ich ausschließlich zeichnete, galt ich als Exot,“ erinnert sich Zauner. Nach dem Diplom traute er es sich nicht zu, im Kunstbetrieb zu bestehen. Sein Glück war, dass die Münchner Kunstakademie 1992 einen neuen Studiengang einrichtete: Bildnerisches Gestalten und Therapie. „Ich machte Praktika in Psychiatrien und im Gefängnis. Kunsttherapie wurde bekannt, und ich fand nach dem Abschluss nahtlos einen Job.“
Zauner arbeitet bereits am nächsten Projekt. In seinem kleinen Atelier hängen rund 30 Zeichnungen. „Es geht um eine junge Frau, die an einer Psychose erkrankt“, erklärt Zauner. Akute psychische Krisen sind Teil seines Berufs und fließen nun in Szenen aufs Papier. Diese Graphic Novel soll ebenfalls nur über Bilder funktionieren. „Die bildsprachliche Kraft ist mir sehr wichtig. Außerdem mag ich keine Sprechblasen“, sagt der Künstler.
