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Amputierten-Fußball: Spannende Duelle auf Krücken

Von: Sebastian Heise

Während nichtbehinderte Fußballer an Krücken höchstens vom Platz gehen, sind die Unterarmgehstützen beim Amputierten-Fußball für Feldspieler Pflicht. Einer der besten deutschen Spieler ist VdK-Mitglied Pierre Kaiser. 

Beim Spiel der Amputierten-Fußball-Bundesliga sind ein Linienrichter, ein Spieler vom Anpfiff Hoffenheim, der gerade den Ball geschossen hat, sowie ein Spieler des Hamburger SV zu sehen, der mit Hilfe seiner Krücken vom Boden abgesprungen ist, um den Ball zu stoppen. Dies gelingt ihm aber nicht und der Ball fliegt an ihm vorbei.
Szene aus dem Spiel der Amputierten-Fußball-Bundesliga zwischen Anpfiff Hoffenheim (hellblaue Trikots) und dem Hamburger SV. © Sebastian Heise

Jubelschreie, Krücken fliegen, Spieler liegen übereinander und umarmen sich: Anpfiff Hoffenheim hat gerade in der Amputierten-Fußball-Bundesliga gegen den Hamburger SV mit 2:1 gewonnen und damit die Finalrunde um die Deutsche Meisterschaft in Düsseldorf erreicht. Einer der glücklichen Spieler ist Pierre Kaiser, VdK-Mitglied aus dem mittelfränkischen Eckental. Der 36-Jährige spielt seit 2011 für das Team aus dem nordbadischen Hoffenheim.

Kein Abseits

Da in Deutschland bisher nur fünf Vereine am Spielbetrieb teilnehmen, wird die Bundesliga an vier Wochenenden mit zehn Duellen sowie einem Finalturnier ausgetragen. Vier Spielerinnen und Spieler, die jeweils nur ein gesundes Bein haben, treten mit Krücken auf dem 40 mal 20 Meter großen Feld gegeneinander an. Im Tor steht eine Person, die nur einen gesunden Arm hat oder einen Arm unter dem Trikot festgebunden hat. Der Ball darf von den Feldspielern nicht mit Hand, Arm und Krücke gespielt werden. Wird der Ball mit der Unterarmgehstütze gestoppt, bekommt das andere Team wie beim Handspiel einen Freistoß oder einen Strafstoß vom Achtmeter-Punkt. Abseits gibt es nicht.

Pierre Kaiser war als 18-Jähriger aus dem Fenster eines fahrenden Zugs gesprungen, weil er den Ausstieg verpasst hatte. Dabei verletzte er sich so schwer, dass er sein rechtes Bein verlor. In der Rehabilitation fand er zum Amputierten-Fußball und schloss sich später Anpfiff Hoffenheim an. Seitdem fährt er alle paar Wochen zum Training nach Sinsheim sowie zu Spieltagen quer durch die Republik. Mit dem Nationalteam reist er auch ins Ausland. Sein großes Ziel sind die Weltmeisterschaften 2026 in Costa Rica, für das sich das deutsche Team als Siebter der Europameisterschaft 2024 qualifiziert hat. Der Weltverband World Amputee Football Federation strebt die Aufnahme ins Programm der Paralympics an. Das wäre für Kaiser und alle Akteure ein großer Schritt nach vorne und würde öffentliche Fördermittel bringen.

Vor dem Spiel der Amputierten-Fußball-Bundesliga zwischen Anpfiff Hoffenheim und Hamburger SV schießt Pierre Kaiser probeweise einen Ball in Richtung Tor.
VdK-Mitglied Pierre Kaiser beim Einspielen. © Sebastian Heise

Sport wird professioneller

Der Sport bereichert den Alltag des zweifachen Familienvaters enorm. „Der Unfall hat mein Leben alles andere als schlechter gemacht. Es ist geprägt von tollen Erlebnissen und fühlt sich alles andere als behindert an“, sagt er. Im Gegensatz zu den Profis in der Türkei bekommt er zwar (noch) kein Gehalt. Aber durch Sponsoren werden zumindest die Reisekosten getragen. Kaiser freut sich, dass sein Sport immer professioneller wird.

Hoffenheims Team-Managerin Michelle Dübon sieht die Entwicklung ebenfalls sehr positiv. Pierre Kaiser bezeichnet sie als einen „Führungsspieler“, der die Mannschaft voranbringen will. Er ist einer der Akteure auf dem Feld, die stets im Austausch mit den Betreuerinnen und Betreuern sind.

Um bestens am Ball zu bleiben, trainiert Pierre Kaiser so viel wie möglich bei seinem Heimatverein TSV Brand mit nichtbehinderten Fußballern. Dort schrieb er vor einem Jahr Sportgeschichte: Als erster Fußballer mit Krücken spielte er in der A-Klasse. Die zweite Mannschaft seines Vereins bildet mit dem oberfränkischen Dormitz eine Spielgemeinschaft, und bei der Begegnung gegen den TSV Behringersdorf wurde Kaiser in der zweiten Halbzeit eingewechselt. Es war ein gelungenes Debüt: Sein Team gewann 2:1.

Zwei gegnerische Spieler springen zum zwischen ihnen liegenden Ball.
Mit vollem Einsatz. © Sebastian Heise

TV-Bericht über Kaiser

Diese besondere Premiere fand großes Medienecho. Zeitungen, Webseiten und der Bayerische Rundfunk (BR) berichteten darüber. „Du nimmst die Krücken, läufst los und schießt – ganz einfach“, beschrieb Kaiser kurz und bündig seine Art zu kicken.

Der Franke fühlt sich beim TSV Brand wohl. „Ich war sofort Teil des Teams und habe mich nicht eine Sekunde wie ein Spieler mit Handicap gefühlt“, erklärte er damals. Der Amputierten-Fußball hat bei ihm Vorrang. „Der Sport ist attraktiv, hat Tempo, und es gibt viele Zweikämpfe“, sagt Kaiser. Trotz der kurzen Spieldauer von zweimal 25 Minuten fallen viele Tore, allein am siebten Spieltag in Hoffenheim waren es 27 in fünf Spielen. Da flogen oft die Krücken.

Mainz 05 wird Deutscher Meister

Beim Finalturnier in Düsseldorf kann schließlich der 1. FSV Mainz 05 seinen Titel verteidigen. Im Finale um die Deutsche Meisterschaft gewinnen die Pfälzer gegen den Hamburger SV mit 3:1. Anpfiff Hoffenheim sicherte sich mit einem ungefährdeten 2:0 Sieg gegen Fortuna Düsseldorf den dritten Platz. Als Torschützenkönig wurde erstmals Marwen Gharrech von Anpfiff Hoffenheim ausgezeichnet. Mit insgesamt 21 Saisontoren stellte der Kraichgauer seine Stürmerqualitäten während der ganzen Saison unter Beweis.

Über Mitspielerinnen und Mitspieler freuen sich alle Vereine. Auf der Externer Link:Website des Deutschen Amputierten Fußballs finden Sie allgemeine Informationen und Links zu den Vereinen. Weitere Termine und Infos zum Anpfiff Hoffenheim gibt es auf der Externer Link:Website des Anpfiff Hoffenheim.

Geschichte

Der US-Amerikaner Don Bennett spielt 1982 zum ersten Mal auf Krücken Fußball. Er gründet in Seattle ein Amputierten-Fußballteam. 1991 findet die erste Weltmeisterschaft statt. Drei Jahre später bilden Sitzballspieler in Rheinland-Pfalz die erste deutsche Mannschaft, die sich leider nach einiger Zeit wieder auflöst. 2005 wird der Weltverband World Amputee Football Federation (WAFF) gegründet. Ab 2008 unterstützt der Deutsche Fußball-Bund über die Sepp-Herberger-Stiftung Amputierten-Fußball. 2014 nimmt ein deutsches Team erstmals an der WM teil. Ein Jahr später ruft die gemeinnützige Organisation „Anpfiff ins Leben“ in Hoffenheim den ersten Amputierten-Fußballverein ins Leben.