Arztpraxen unter Investorendruck
Der VdK Bayern sieht die ambulante Gesundheitsversorgung wegen der Übernahme von immer mehr Arztpraxen durch private Investoren in Gefahr. Zusammen mit bayerischen Ärztevereinigungen fordert der VdK deshalb eine gesetzliche Regulierung.

Nach Analysen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) beschleunigt sich der Trend zur Privatisierung. Ärztinnen und Ärzte sind in vielen Praxen nur Angestellte. Die Übernahmen verlaufen stets ähnlich: Besonders in Ballungsräumen kaufen Private- Equity-Gesellschaften Arztpraxen auf und überführen sie in größere Ketten. Nach Einschätzung der KVB sind „Gewinnmaximierung und aggressive Erwirtschaftung von Renditen von 15 bis 20 Prozent innerhalb weniger Jahre“ das Ziel.
VdK fordert Versorgung
In einem gemeinsamen Appell an die Politik fordern der Sozialverband VdK Bayern, die KVB, die Bayerische Landesärztekammer, der Bayerische Hausärztinnen- und Hausärzteverband, der Dachverband Bayerischer Fachärztinnen und Fachärzte sowie der Verband medizinischer Fachberufe einen gesetzlichen Riegel. VdK- Landesvorsitzende Verena Bentele stellt klar: „Profitinteressen dürfen keine Leitlinie für medizinische Leistungen sein. Statt Rendite muss immer die angemessene und vollumfängliche Versorgung der Patientinnen und Patienten im Vordergrund stehen.“
Bei den Kaufstrategien geht es offenkundig eher um Profit als um Patientenwohl. Denn es werden Facharztrichtungen mit hohem Geräte- und Technikeinsatz, bei denen sich große Gewinne erwirtschaften lassen, bevorzugt. Besonders in der Radiologie sind internationale Investorengruppen auf Einkaufstour, gefolgt von der Augenheilkunde. Die KVB spricht von „monopolartigen Strukturen“ in einigen Regionen Bayerns. Doch auch bei den fachübergreifenden medizinischen Versorgungszentren (MVZ) gehört in Bayern jedes fünfte einer Private-Equity-Gesellschaft. Vor fünf Jahren war es noch jedes elfte.
Ärzteverbände warnen, dass nun auch die hausärztliche Versorgung in eine Schieflage gerät. Ihrer Beobachtung nach werden in MVZs mit Hausarzt-Angebot, die von Privatinvestoren betrieben werden, Hausbesuche oder präventive Untersuchungen viel seltener durchgeführt als in traditionellen Hausarztpraxen. Ärztinnen und Ärzte, die in solchen Praxisketten gearbeitet haben, berichten von großem wirtschaftlichem Druck, unter anderem chronisch kranke Menschen würden regelrecht „aussortiert“. Zudem sollen Patientinnen und Patienten zu eigentlich überflüssigen, aber gewinnträchtigen Eingriffen gedrängt werden.
Nachwuchs außen vor
Wenn eine Praxisübergabe ansteht, sind die Angebotspreise der oft international tätigen Investoren so hoch, dass interessierter ärztlicher Nachwuchs finanziell nicht mithalten kann. Die Niederlassungen von Praxisketten finden sich vor allem in Großstädten oder in wirtschaftsstarken Gegenden. Gleichzeitig nehmen Nachfolgesorgen im ländlichen Raum zu.
VdK-Landesvorsitzende Verena Bentele: „Wenn Private-Equity- Arztpraxen überhandnehmen, unterhöhlt das unser Gesundheitssystem. Ältere und chronisch kranke Patientinnen und Patienten sowie Menschen mit Behinderung werden ausgegrenzt. Wir fordern ein gerechtes Gesundheitssystem für die ganze Bevölkerung. Unabhängig von Wohnort, finanzieller Lage, Alter oder bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen. Die freie Arztwahl muss gewährleistet bleiben. Für Ärztinnen oder Ärzte muss es Anreize und Unterstützung zur Niederlassung geben, insbesondere im ländlichen Raum. Gesundheit ist keine Ware. Im Rahmen der Daseinsvorsorge ist es politische Pflicht, dem reinen Gewinnstreben Einhalt zu gebieten.“
Zahlen
31,1 Prozent aller bayerischen Ärztinnen und Ärzte arbeiten als Angestellte in Arztpraxen (Stand 9/2025). Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Anstellungen im gesamten ambulanten Bereich um neun Prozent gestiegen. Der Altersdurchschnitt der Ärztinnen und Ärzte in den Praxen liegt mit knapp 54 Jahren um etwa zehn Jahre höher als im stationären Bereich.
Quelle: Bayerische Landesärztekammer (BLÄK)