Kategorie VdK-Zeitung Behinderung Pflege

Ein bisschen Normalität

Von: Annette Liebmann

Dem Mut engagierter Frauen ist es zu verdanken, dass Eltern von Kindern mit Behinderung eine Auszeit vom Pflegealltag nehmen können. Der Verein „Dachskinder“ bietet Betreuung und Entlastungspflege für Kinder und Jugendliche an. 

Die Szene zeigt eine Straße und daneben einen Acker, im Hintergrund ein blaues Industriegebäude. Mehrere Frauen schieben die sieben pflegebedürftigen Kinder und Jugendlichen in ihren Kinderwägen sowie einen Jugendlichen im Pflegebett.
Die meisten Kinder sind mobilitätseingeschränkt und müssen beim Ausflug ins Grüne mit Kinderwagen oder Pflegebett geschoben werden. © VdK Bayern/Annette Liebmann

Hanna ist unruhig. Geduldig führt Angela Jerabek immer wieder den Löffel zu ihrem Mund, aber das Mädchen dreht den Kopf weg. Erst beim dritten Versuch klappt es, und der Grießbrei landet da, wo er hinsoll. „Wir kennen Hanna gut“, sagt Jerabek. Die Neunjährige ist mehrfachbehindert und sitzt im Rollstuhl. Sie wird auch zu Hause von den Mitarbeiterinnen des Vereins betreut, zum Beispiel, wenn ihre Mutter Termine wahrnehmen muss. 

Ausflug ins Grüne

Heute besucht Hanna die Samstagsbetreuung der „Dachskinder“. Neben ihr sind sieben weitere Kinder und Jugendliche mit dabei, zum Beispiel Christian, der nur im Bett liegen kann, Magdalena, die über eine Magensonde ernährt wird, und Simon, der sich vor Freude im Kinderwagen aufbäumt und mit seiner Flasche auf den Tisch schlägt. Alle werden von den Mitarbeiterinnen des Vereins versorgt, machen einen Ausflug ins Grüne und werden zum Basteln, Singen oder Spielen angeleitet.

Seit 2019 bietet die Initiative Entlastungspflege an. Das heißt, die Fachkräfte kommen ins Haus und kümmern sich um das Kind, beispielsweise wenn ein Elternteil ins Krankenhaus muss. 2025 kam die Samstagsbetreuung dazu: Einmal im Monat werden die Kinder von morgens bis abends betreut. In dieser Zeit können die Eltern Besorgungen machen, etwas mit den Geschwisterkindern unternehmen oder sich etwas Gutes tun. 

Eine Frau füttert mit einem Löffel ein Mädchen, das in einem Kinderwagen sitzt.
Angela Jerabek füttert Hanna. Die Betreuung der Kinder ist sehr personalintensiv. © VdK Bayern/Annette Liebmann

Hohe Nachfrage

„Die Nachfrage ist so groß, dass wir nun zusätzlich zum Samstag auch noch den Sonntag anbieten und unsere Gruppengröße auf sechs bis acht Personen aufgestockt haben“, erklärt Daniela Fendt, die sich im Verein für die Gewinnung von Spendengeldern und Unterstützern kümmert. Betreut werden die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen bis 27 Jahre ausschließlich von Fachpersonal. Dazu zählen Kinderkrankenschwestern und -pfleger sowie Erzieherinnen. 

„Zu uns kommen viele Kinder, die aufgrund ihrer schweren Behinderung nicht beschulbar sind“, sagt Fendt. „Ihre Versorgung ist personalintensiv, aber das geht nicht anders“, fügt Jerabek hinzu. Dennoch werden die Stundensätze für die Eltern bewusst niedrig gehalten, damit diese das Angebot ganzjährig nutzen können. Deshalb ist der Verein auf Spenden angewiesen.

Ein großer Wunsch von Angela Jerabek und ihren Mitstreiterinnen ist es, eine Kurzzeitpflegeeinrichtung zu eröffnen, um die Eltern noch mehr entlasten zu können. Ein Haus dafür gibt es schon, im Moment laufen die Verhandlungen mit dem Bezirk Schwaben und den Krankenkassen. Das ist nicht ganz einfach, denn die Betreuung von schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen ist aufwendig und teuer. „Eltern brauchen auch mal eine Verschnaufpause. Wenn sie zusammenbrechen und das Kind einen Heimplatz braucht, kostet die Pflege auf Dauer noch mehr“, betont Fendt.

Ein etwa zehn Jahre altes Mädchen liegt auf mehreren grünen, weichen Bodenmatten. Unter der braunen Fleecejacke schaut ein Schlauch heraus. Es ist eine Magensonde. Neben ihr hockt eine Pflegerin und spritzt Nahrung in den Schlauch der Sonde.
Erzieherin Sandra Meister versorgt Magdalena über eine Magensonde. © VdK Bayern/Annette Liebmann

Unendlich dankbar

Die „Dachskinder“ wurden schon mehrfach ausgezeichnet, so auch mit dem „mitMenschPreis“ des evangelischen Fachverbands für Teilhabe. „Die Eltern sind unendlich dankbar, dass es uns gibt“, berichtet Fendt. Beim ersten Mal falle es vielen noch schwer, ihr Kind abzugeben. „Doch wenn sie am Abend zurückkommen, haben sie ein Leuchten in den Augen – und wir freuen uns mit ihnen, dass sie mal wieder so etwas wie Normalität haben.“

So wie Anja Pohlner, die Simon abholen kommt. Er war zum ersten Mal da. Per Zufall hatte sie im Internet von der Tagespflege erfahren. Die freie Zeit hat sie genutzt, um mit ihrer Schwiegermutter einkaufen zu gehen. „Das hat mir echt mal gutgetan“, sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht.

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