
Bürokratie kostet viel Zeit
Seit fast sieben Jahren pflegt Karin Eichinger* ihren Mann Holger*. Der 64-Jährige war nach einer Hirnblutung lange nicht ansprechbar und hat Pflegegrad 4.

Karin Eichinger fährt den Rollstuhl nah ans Pflegebett. Ihr Mann Holger legt die Hände an das Seitengitter und zieht sich daran hoch. Dann dreht er den Körper so, dass er sich in den dahinterstehenden Entspannungssessel setzen kann. Darin macht er täglich seinen Mittagsschlaf. Die 70-Jährige deckt ihn liebevoll zu. „Brauchst du noch eine Decke?“, fragt sie. Er nickt, und sie breitet zusätzlich eine weiße Wolldecke über seinen Beinen aus.
Schlechte Chancen
Als Holger Eichinger 2019 die Hirnblutung erlitt, stand es sehr schlecht um ihn. „Er lag im Koma und musste beatmet werden“, erzählt seine Frau. Mehrere Wochen war er auf der Intensivstation, anschließend machte er eine Reha. Ein Jahr später fiel er erneut ins Koma. Die Ärzte räumten ihm nur geringe Überlebenschancen ein. Die Geräte wurden abgeschaltet und Holger Eichinger auf die Palliativstation verlegt.
Nach fünf Tagen nahm ihn Karin Eichinger mit nach Hause. „Ich dachte, sterben kann er auch daheim“, sagt sie. Doch ihr Mann kam wieder auf die Beine. Mühsam lernte er sprechen und gehen. Heute kann er sich wieder verständlich machen und langsam rückwärts die Treppen herunterlaufen. Der ehemalige Computerlinguist liebt es, im Internet zu surfen, sich zu informieren und Dinge zu erfinden, die den Pflegealltag erleichtern, wie etwa einen speziellen Türstopper für die Haustür, der genau in das Metallgitter des Fußabstreifers passt.
Das Ehepaar lebt im zweiten Stock eines Altbaus. Aufzug gibt es keinen, und auch die Wohnung ist nicht auf Menschen mit Behinderung ausgerichtet: die Türstöcke zu schmal, das Badezimmer zu breit, sodass es keine Möglichkeit gibt, sich irgendwo festzuhalten.
Unterstützung vom VdK
Karin und Holger Eichinger sind VdK-Mitglieder und haben schon oft die Unterstützung des Sozialverbands benötigt: Zum Beispiel bei der Antragstellung für das Pflegebett sowie den dazugehörigen Beistelltisch, für eine zweite Boden-Deckenstange im Bad, für einen schmalen Rollstuhl, der durch die Türen passt, sowie für einen höheren Pflegegrad.
„Ich mache alles mit dem VdK“, betont Karin Eichinger. „Um den Erstantrag und Widersprüche kümmere ich mich selbst, aber wenn die Kasse die benötigten Hilfsmittel verweigert, wende ich mich dann an den Kreisverband München.“ Mit großem Erfolg: Bisher wurde alles bewilligt, auch wenn es bis vors Sozialgericht ging. Auch einen Pflegekurs hat Karin Eichinger beim VdK gemacht.
Anfangs war sie noch berufstätig und benötigte einen ambulanten Pflegedienst, um ihren Mann versorgen zu können. Mittlerweile kümmert sie sich selbst ums Waschen und Anziehen. Sie achtet aber auch darauf, dass sie regelmäßig Entlastung bekommt: Montags kommt eine Alltagshelferin, Dienstagnachmittag ein Pflegedienst. Alle zwei Wochen verbringt Holger Eichinger ein verlängertes Wochenende bei seiner Schwester.
Für Karin Eichinger bedeutet das nicht, dass sie dann Freizeit hat: „Ich brauche die Zeit, um Abrechnungen zu machen und Widersprüche gegen Entscheidungen der Kranken- und Pflegekasse einzulegen. Dieser Kleinkram kostet mich viel Zeit und Energie.“
Aber es gibt auch schöne Momente: Im vergangenen Jahr machten die beiden eine Reha für pflegende Angehörige und konnten sich erholen. Den Tipp dazu hatten sie übrigens aus der VdK-Zeitung.
*Name von der Redaktion geändert


